ICH HÄNGE AN DER NADEL

Die größte Plattenbörse der Welt. Warum tut man sich das an?


Neben der Tatsache, zwei Tage lang den angesammelten Dreck von teilweise 40 Jahre alten Platten an den Fingern zu haben und durch fast unmöglich zu erreichende hintere Plattenkisten latent Rückenschmerzen zu bekommen, gibt es einen einfacheren Weg, um an gesuchtes Vinyl zu kommen: discogs.com. Jeder Händler und Messebesucher kennt diese Art eBay für physische Tonträger.

 

Nachdem ich bei einem Umzug einen Großteil meiner knapp 15.000 Maxis verkauft hatte und die noch übrigen 6.000 bei Discogs als digitales Archiv führe, wollte ich nur noch wirklich fehlende Platten kaufen. Rational gesehen hört man Vinyl so oder so eher selten. Und durch Discogs kann ich schon lange am Rechner auf dem Sofa sehen, was ich im Regal gegenüber stehen habe und was nicht – ohne aufzustehen. Ich kann sogar sehen, was die Sammlung theoretisch wert wäre.

 

Soweit zur Rationalität. Nun zur Sucht. Im niederländischen ’s-Hertogenbosch treffen bei der weltgrößten Plattenbörse ca. 500 Händler auf tausende Süchtige. Im Detail zwar eine nostalgische Reise in eine vergangene Zeit, andererseits ohne ausgeklügeltes Such-Konzept purer Stress. Ein solches habe ich durch eine Online-Suchliste, auf der seltene 12” notiert sind, die nicht digital verfügbar sind, welche ich aber für bestimmte Online-Mix-Compilations suche. Als Börsenprofi entwickelt man einen Blick dafür, welcher der Händler überhaupt das gesuchte Genre haben könnte. 80% Rock (obwohl KISS …): fällt weg, 90% Alben statt Maxis: fällt weg, usw.

 

So steht man also zwischen einer einzigartigen Sorte von Vinyl-Junkies, für deren Studie es sich allein schon lohnt, herzukommen.

EU-Roaming und Discogs sei Dank, muss man heute beim Wühlen immer noch eine Hand frei haben, um am Handy nachzusehen, ob es diese gesuchte Platte ist, ob man sie vielleicht schon zuhause hat oder was sie aktuell kostet. Früher kam ich oft mit einem vermeintlichen Schatz für $29,- nach Hause, nur um festzustellen, dass ich die Platte bereits dreimal besitze.

 

Das Ergebnis sind dann 50 erbeutete Maxis, von denen genau keine auf meiner Suchliste stand, weil es die selbst auf dieser Börse nicht gibt, sondern nur im Internet. 

 

Neben der Philosophie, dass Vinyl besser klingt als digitale Musik, was zwar physikalisch logisch, realistisch aber nur in den wenigsten Fällen aufgrund von schlechter Pressung, dem Alter oder der minderwertigen Anlage wirklich so ist, stellt sich die Frage, warum sind die alle hier? Wo der Opa dem Enkel normalerweise erklären muss, was diese schwarzen Scheiben überhaupt sind. Immerhin waren 2022 6% aller Musikkäufe Schallplatten. Allerdings stehen dem 73% Streamings gegenüber. 

 

Ein Bauchgefühl sagt mir und dieser eingeschworenen Gemeinschaft wohl, dass die Digitalisierung, die alle Sinneswahrnehmungen auf 0/1 zusammenschrumpfen lässt, einen durch Entzug von Emotionen selbst zum Roboter werden lässt. Und an diesem Ort ist Musik so lebendig und anfassbar, dass man trotz 50 überflüssiger Käufe selig im Hotelbett liegt.

 

Nächste Börse: 13./14.04.2024, Brabanthallen in ’s-Hertogenbosch (recordplanet.nl)

 

Foto:  Record Planet